Eben noch schien vieles selbstverständlich zu funktionieren – plötzlich wird die Umwelt spannender, bekannte Signale geraten ins Hintertreffen und der junge Hund wirkt mitunter wie ausgewechselt. Willkommen in der Pubertät. In dieser Entwicklungsphase verändert sich nicht nur der Körper: Auch im Gehirn und im Verhalten passiert einiges.
Pubertät, Geschlechtsreife und Adoleszenz werden häufig gleichgesetzt. Tatsächlich beschreiben sie unterschiedliche Aspekte der Entwicklung. Die Pubertät bezeichnet die Entwicklungsphase, in der hormonelle und körperliche Veränderungen zur Geschlechtsreife führen. Geschlechtsreife bedeutet, dass ein Hund biologisch fortpflanzungsfähig wird.
Mit der Geschlechtsreife ist diese Entwicklungsphase aber noch lange nicht abgeschlossen. Körperliche, soziale und emotionale Reifungsprozesse setzen sich darüber hinaus fort. Ein geschlechtsreifer Hund ist deshalb nicht automatisch ein erwachsener Hund.
Wann die Pubertät beginnt und wie lange die anschliessende Reifung dauert, unterscheidet sich von Hund zu Hund. Dabei spielen unter anderem Körpergrösse, Rasse und individuelle Entwicklung eine Rolle.
Bei Hündinnen ist die erste Läufigkeit ein gut sichtbares Zeichen dafür, dass die reproduktive Entwicklung weit fortgeschritten ist. Als möglicher Bereich werden etwa 6 bis 24 Monate genannt, wobei kleinere Hunde im Durchschnitt früher läufig werden als grössere.
Bei Rüden setzt die Pubertät häufig zwischen dem 6. und 12. Lebensmonat ein, bei grossen Hunden mitunter später. Da es kein vergleichbar deutliches äusseres Ereignis wie die erste Läufigkeit bei Hündinnen gibt, lässt sich der Beginn der Geschlechtsreife bei Rüden nicht immer eindeutig feststellen.
Während der Pubertät verändert sich der Hormonhaushalt deutlich. Bei Rüden steigt insbesondere der Testosteronspiegel, bei Hündinnen spielen Östrogen und Progesteron eine zentrale Rolle bei der Geschlechtsreife und dem Einsetzen der Läufigkeit. Gesteuert wird dieser Prozess über die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse: Sie aktiviert die Hoden beziehungsweise Eierstöcke und regt die Produktion von Sexualhormonen an.
Wie stark sich die Pubertät im Alltag bemerkbar macht, ist individuell. Manche Hunde reagieren stärker auf Umweltreize, interessieren sich intensiver für Gerüche oder Artgenossen, zeigen vermehrt Sexualverhalten oder wirken zeitweise unsicherer. Bei anderen verläuft diese Phase vergleichsweise unauffällig.
Auch das Gehirn reift weiter. Fähigkeiten wie Impulskontrolle, Konzentration und das flexible Anpassen des eigenen Verhaltens entwickeln sich noch. So kann ein Hund in ruhiger Umgebung gut ansprechbar sein, während ihm dasselbe unter Ablenkung deutlich schwerer fällt.
Dass etwas gestern zuverlässig funktioniert hat und heute schwieriger ist, bedeutet deshalb nicht, dass der Hund es vergessen hat. Vielmehr kann es ihm vorübergehend schwerer fallen, bereits Gelerntes unter anspruchsvolleren Bedingungen abzurufen.
Pubertät bedeutet nicht, beim Training auf die Pausetaste zu drücken. Sie kann aber bedeuten, vorübergehend wieder einen Schritt einfacher zu trainieren. Klappt eine Übung unter wenig Ablenkung gut, in einer anspruchsvolleren Situation aber plötzlich nicht mehr, hilft es oft, die Anforderungen anzupassen: mehr Abstand zu Reizen schaffen, die Umgebung vereinfachen oder eine Aufgabe in kleinere Schritte unterteilen. Bekannte Grundlagen können so weiter gefestigt werden, ohne den Hund zu überfordern.
Ein Beispiel: Funktioniert der Rückruf auf einer ruhigen Wiese zuverlässig, neben spielenden Hunden aber nicht, ist nicht unbedingt mehr Training nötig. Möglicherweise ist die Ablenkung schlicht noch zu gross. Statt das Signal wiederholt einzufordern, kann es sinnvoller sein, zunächst mit mehr Distanz zu trainieren und die Schwierigkeit schrittweise zu steigern. So bekommt der Hund die Chance, die Aufgabe erfolgreich zu bewältigen und ein Erfolgserlebnis zu haben.
Wo Training allein nicht ausreicht, hilft gutes Management. Schleppleine, mehr Abstand oder eine bewusst gewählte Trainingsumgebung können verhindern, dass der Hund immer wieder in Situationen gerät, die er gerade nicht bewältigen kann.
Ein junger Hund braucht nicht ständig Beschäftigung oder immer mehr Programm. Spaziergänge, Training, Hundekontakte und neue Erfahrungen liefern viele Eindrücke, die auch verarbeitet werden müssen. Ruhephasen und ausreichend Schlaf gehören deshalb genauso zu einem ausgewogenen Alltag wie gemeinsame Aktivitäten.
Gerade in aufregenden Phasen kann weniger manchmal mehr sein: Nicht jeder Tag muss neue Herausforderungen bieten. Vertraute Abläufe, entspannte Spaziergänge und Zeiten ohne Programm schaffen Raum für Erholung.
Mit der Geschlechtsreife können sich neue Verhaltensweisen zeigen. Rüden interessieren sich möglicherweise stärker für läufige Hündinnen, markieren häufiger oder verfolgen Geruchsspuren intensiver. Wie ausgeprägt solche Veränderungen sind, unterscheidet sich von Hund zu Hund.
Auch Aufreiten kann häufiger vorkommen. Es ist jedoch nicht automatisch sexuell motiviert, sondern kann beispielsweise auch im Zusammenhang mit Erregung oder Aufregung auftreten.
Für Halter:innen bedeutet die Geschlechtsreife vor allem, Begegnungen und Freilauf vorausschauend zu gestalten. Besonders bei läufigen Hündinnen und unkastrierten Rüden gilt es, ungewollte Paarungen zuverlässig zu verhindern.
Nicht jede Verhaltensänderung bei einem jungen Hund lässt sich mit der Pubertät erklären. Treten Veränderungen plötzlich, sehr ausgeprägt oder über längere Zeit auf, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Auch Schmerzen oder andere gesundheitliche Ursachen können Verhalten beeinflussen.
Bei auffälligen oder anhaltenden Veränderungen ist deshalb eine tierärztliche Abklärung sinnvoll. Geht es vor allem um Verhalten im Alltag oder Training, kann zusätzlich eine qualifizierte Fachperson unterstützen.
Die Pubertät kann den Alltag mit einem jungen Hund zeitweise ordentlich durcheinanderbringen. Gleichzeitig entwickelt sich aus dem Welpen Schritt für Schritt ein erwachsener Hund.
Ihr Hund hat nicht plötzlich alles vergessen und macht Ihnen das Leben auch nicht absichtlich schwer. Festigen Sie bekannte Grundlagen weiter, passen Sie die Anforderungen an die jeweilige Situation an und planen Sie ausreichend Ruhe ein.
Und auch wenn es an manchen Tagen nicht danach aussieht: Diese Phase geht vorbei.