Gerade eben hat der Rückruf noch zuverlässig funktioniert – und plötzlich scheint der eigene Hund ganz andere Dinge im Kopf zu haben. Gerüche werden wichtiger, andere Hunde spannender und bereits bekannte Signale funktionieren manchmal nur noch bedingt. Für Hundehalter kann diese Phase durchaus herausfordernd sein. Gleichzeitig ist sie ein normaler und wichtiger Teil des Erwachsenwerdens. Während der Pubertät verändert sich nicht nur der Körper. Auch Hormone, Motivation, Verhalten und die Wahrnehmung der Umwelt entwickeln sich weiter. Wie deutlich sich das im Alltag zeigt und wann diese Veränderungen einsetzen, ist von Hund zu Hund verschieden.
Pubertät, Geschlechtsreife und Erwachsenwerden werden häufig gleichgesetzt. Tatsächlich beschreiben sie unterschiedliche Aspekte der Entwicklung. Die Pubertät bezeichnet die Entwicklungsphase, in der hormonelle und körperliche Veränderungen zur Geschlechtsreife führen. Geschlechtsreife bedeutet wiederum, dass ein Hund biologisch fortpflanzungsfähig wird.
Damit ist seine Entwicklung aber keineswegs abgeschlossen. Verhalten, soziale Kompetenzen und der Umgang mit Umweltreizen können sich noch lange danach verändern und weiterentwickeln. Auch neue Erfahrungen und die zunehmende Reife spielen dabei eine wichtige Rolle. Ein Hund kann also bereits geschlechtsreif sein und sich gleichzeitig noch mitten in seiner Entwicklung zum erwachsenen Hund befinden.
Wie lange diese Reifung dauert, ist individuell und hängt unter anderem von genetischen Faktoren, Rasse, Körpergrösse und den Erfahrungen des Hundes ab. Auch die Lebensbedingungen, Erziehung und das soziale Umfeld können die Entwicklung beeinflussen.
Einen festen Startpunkt gibt es nicht und auch ihre Dauer lässt sich nicht anhand einer einfachen Tabelle zuverlässig vorhersagen.
Bei Hündinnen ist die erste Läufigkeit ein gut sichtbares Zeichen dafür, dass die reproduktive Entwicklung weit fortgeschritten ist. Sie kann je nach Hund sehr unterschiedlich früh auftreten. Als möglicher Bereich werden etwa sechs bis 24 Monate genannt, wobei kleinere Hunde im Durchschnitt früher läufig werden als grössere.
Bei Rüden gibt es kein vergleichbar deutliches äusseres Ereignis, an dem sich der Beginn der Geschlechtsreife zuverlässig erkennen lässt. Veränderungen wie ein stärkeres Interesse an Gerüchen oder läufigen Hündinnen und vermehrtes Markieren können im Alltag auffallen. Einzelne Verhaltensweisen allein sind aber kein Beweis dafür, dass «jetzt die Pubertät begonnen hat».
Während der Pubertät verändern sich vor allem die Sexualhormone. Bei Rüden steigt insbesondere der Testosteronspiegel, bei Hündinnen verändern sich vor allem Östrogen und Progesteron im Zusammenhang mit der Entwicklung der Fortpflanzungsorgane und dem Einsetzen der Läufigkeit. Gesteuert wird dieser Prozess über die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse: Der Körper beginnt verstärkt Signale auszusenden, die die Keimdrüsen (Hoden bzw. Eierstöcke) zur Produktion von Sexualhormonen anregen.
Daneben verändern sich auch andere hormonelle Systeme und Botenstoffe, die unter anderem mit Stress, Motivation, Emotionen und der Reifung des Gehirns zusammenhängen. Dadurch können sich Verhalten, Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und die Reaktion auf bestimmte Umweltreize verändern.
Mit der Pubertät reifen also nicht nur die Fortpflanzungsorgane heran. Sexualhormone gewinnen an Bedeutung, während gleichzeitig weitere Entwicklungsprozesse im Gehirn und im Verhalten ablaufen. Neue Motivationen können entstehen und die Bedeutung bestimmter Umweltreize kann sich verändern. Das bedeutet nicht, dass jeder Junghund plötzlich ein vollkommen anderer Hund wird. Manche durchlaufen diese Zeit relativ unauffällig, bei anderen ist die Veränderung kaum zu übersehen.
Ein interessanter Geruch kann plötzlich wichtiger erscheinen als die eigene Bezugsperson. Hundebegegnungen bekommen einen anderen Stellenwert. Die Aufmerksamkeit lässt sich schwieriger halten und ein Signal, das zu Hause problemlos funktioniert, scheint draussen wie vergessen. Für Hundehalter kann es deshalb hilfreich sein, das Verhalten nicht persönlich zu nehmen. Was bereits gelernt wurde, ist nicht automatisch verloren – es kann unter Ablenkung momentan einfach schwieriger abrufbar sein.
Gerade weil bereits Gelerntes zeitweise weniger zuverlässig abrufbar sein kann, lohnt es sich, während der Pubertät an bekannten Grundlagen dranzubleiben.
Dabei sollten die Erwartungen zur jeweiligen Situation passen. Ein Rückruf, der auf einer ruhigen Wiese zuverlässig funktioniert, muss neben spielenden Hunden oder einer besonders interessanten Duftspur noch lange nicht gleich gut funktionieren.
Wird eine Situation zu schwierig, kann es sinnvoll sein, das Training vorübergehend wieder einfacher zu gestalten. Vergrössern Sie den Abstand zu Ablenkungen, üben Sie zunächst in leichteren Situationen und belohnen Sie Verhalten, das Sie sich auch langfristig wünschen.
Kurze, verständliche Trainingseinheiten sind häufig hilfreicher als langes Üben. Entscheidend ist nicht, möglichst viel zu trainieren, sondern Situationen zu schaffen, in denen der Hund verstehen kann, was von ihm erwartet wird – und die Chance hat, erfolgreich zu sein.
Bei sehr grosser Ablenkung ist gutes Management manchmal sinnvoller, als ein Signal immer wieder abzufragen, auf das der Hund momentan kaum reagieren kann. Eine Schleppleine, mehr Abstand oder eine einfachere Umgebung können helfen, unerwünschtes Verhalten gar nicht erst ständig einüben zu lassen.
Pubertät bedeutet deshalb nicht, mit dem Training aufzuhören. Sie kann aber bedeuten, vorübergehend wieder einen Schritt einfacher zu trainieren.
Ein junger Hund wird körperlich belastbarer und kann immer mehr unternehmen. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede freie Minute mit Spaziergängen, Training, Hundekontakten oder Beschäftigung gefüllt werden muss.
Neue Gerüche, Begegnungen, Training, unbekannte Orte und zunehmende Freiheiten liefern täglich zahlreiche Eindrücke. Gleichzeitig braucht ein Junghund weiterhin ausreichend Möglichkeiten, sich zurückzuziehen, zu schlafen und einen entspannten Alltag zu erleben.
Mehr Beschäftigung ist deshalb nicht automatisch die richtige Antwort auf Unruhe oder Konzentrationsschwierigkeiten.
Hilfreich sind vielmehr ein möglichst verlässlicher Alltag, vertraute Abläufe, angemessene Bewegung und bewusst eingeplante Ruhephasen. Auch Zeiten, in denen schlicht nichts passiert, gehören zu einem ausgeglichenen Hundeleben.
Bei Hündinnen ist die erste Läufigkeit meist das deutlichste körperliche Zeichen der einsetzenden Geschlechtsreife. Typisch sind unter anderem eine Schwellung der Vulva und blutiger Ausfluss, wobei Intensität und Verlauf individuell unterschiedlich sein können.
Bei Rüden ist der Übergang weniger eindeutig. Ein zunehmendes Interesse an läufigen Hündinnen, intensiveres Schnüffeln oder Veränderungen beim Markierverhalten können auffallen. Nicht jeder Rüde zeigt diese Veränderungen gleich deutlich.
Mit der Geschlechtsreife kommt für Halter eine neue Verantwortung hinzu. Wer keine Nachkommen plant, muss verhindern, dass es zu ungewollten Paarungen kommt.
Während der Läufigkeit einer Hündin kann dies beispielsweise bedeuten, Begegnungen mit frei laufenden Rüden frühzeitig einzuschätzen und den eigenen Hund entsprechend zu führen. Bei geschlechtsreifen Rüden lohnt es sich ebenfalls, aufmerksam zu beobachten, wie stark sie auf läufige Hündinnen reagieren.
Vorausschauendes Management ist dabei kein Ersatz für Training, sondern eine sinnvolle Ergänzung. Nicht jede Situation muss über Gehorsam gelöst werden. Leine, Abstand oder eine angepasste Spazierroute können manchmal die bessere Entscheidung sein.
So verlockend die Erklärung manchmal ist: Nicht jede Veränderung bei einem jungen Hund lässt sich mit «Er ist halt in der Pubertät» erklären.
Verhalten wird von vielen Faktoren beeinflusst. Dazu gehören Erfahrungen, Lernverhalten, die aktuelle Umgebung, körperliches Wohlbefinden und individuelle Eigenschaften des Hundes.
Auch einfache Entwicklungsfahrpläne nach dem Schema «In Monat X passiert immer Y» greifen zu kurz. Studien zeigen zwar, dass sich bestimmte Verhaltensmerkmale während der Jugendphase verändern können, der individuelle Verlauf unterscheidet sich jedoch erheblich. Selbst innerhalb einer Rasse entwickeln sich Hunde nicht alle gleich.
Reagiert ein Hund plötzlich stark ängstlich, zeigt ungewöhnlich aggressives Verhalten, werden Schmerzen vermutet oder verändert sich sein Verhalten deutlich und anhaltend, sollte deshalb genauer hingeschaut werden.
Bei gesundheitlichen Auffälligkeiten ist die Tierärztin oder der Tierarzt die richtige Anlaufstelle. Bei Schwierigkeiten im Training oder Zusammenleben kann eine qualifizierte Fachperson für Hundeverhalten oder Hundeausbildung helfen, die Situation individuell einzuschätzen.
Die Pubertät kann den Alltag mit einem jungen Hund zeitweise ordentlich durcheinanderbringen. Gleichzeitig passiert in dieser Zeit etwas Entscheidendes: Aus dem Welpen entwickelt sich Schritt für Schritt ein erwachsener Hund.
Ihr Hund hat nicht plötzlich alles vergessen und versucht auch nicht, Ihnen das Leben schwer zu machen. Was gestern noch problemlos funktionierte, kann unter neuen Motivationen und stärkeren Umweltreizen heute schwieriger abrufbar sein.
Gerade deshalb lohnt es sich, bekannte Grundlagen weiter zu festigen, Erwartungen der jeweiligen Situation anzupassen und dem Hund neben Training und Erlebnissen auch ausreichend Ruhe zu ermöglichen.
Und auch wenn es an manchen Tagen nicht danach aussieht: Aus dem Teenager wird mit der Zeit ein erwachsener Hund.